Metalithikum / Projective Theory of Technology

»symbolizing existence«

»symbolizing existence« war die dritte Klausur in einer Reihe von Veranstaltungen, die ich am Laboratory for Applied Virtuality (CAAD, Institute for Information Technology in Architecture, Swiss Federal Institute of Technology ETH in Zurich) zusammen mit der Stiftung Werner Oechslin in Einsiedeln, Schweiz, organisiere. 

Technology is not simply technology, it changes character over time. We suggest there is a twin story to it. We call it metalithicum and postulate that it has always accompanied the story of technology since the Neolithic era. It concerns the symbolics of the forms and schemes humans are applying for accommodating themselves within their environment. We assume that the protagonists of this twin story, the symbolics of those forms and schemes, are also not simply what they are but change character over time. Through the Metalithicum Klausuren, we seek to engender a theoretical perspective on one of the central areas of today’s social dynamic, namely the link between information technology on the one side, and architecture, urbanism and the city as a life form on the other.

»symbolizing existence«

symbolizing existence

Seit gut einer Dekade erleben wir bis in feinste Verästelungen unseres Alltags die strukturellen Wirkungen von popularisierten Informationstechnologien. In weniger als 15 Jahren entwickelte sich die Mobiltelefonie für mittlerweile 5 von weltweit 7 Mia. Menschen zu einer Vernetzungsmaschinerie für beliebige Kontakte. Suchmaschinen wie Google oder Yahoo katalogisieren alles, was sich informationell beschreiben lässt, in beliebig aktualisierbaren Indexe. Die zunehmend stabiler und vielfältigere informationstechnische Stratifizierung des sozialen Raumes stellt ein eigenartig a-territoriales Substrat dar, das für die Entwicklung eines digitalen Konstruktionsdenkens sehr wahrscheinlich eine tragende Rolle spielen wird.

Die dritte Metalithikum Klausur unter dem Titel »symbolizing existence« hat nach unseren Umgangsformen mit dem Phänomen der Doppelartikulation gefragt, das sich ganz besonders dann an Dingen, Vorstellungen, und Modellierungen zeigt, sobald wir die Welt mit dem Konzept der Information erfassen. Doppelartikulationen erzeugen eine vielleicht sogar synchrone Dualität, als Konkretes und Aktuelles auf der einen und als Symbolisch-formales, als Vorlage, Muster oder Format auf der anderen Seite. Wie könnte sich unter diesen Umständen ein Denken über „Instanzen“ gewinnen, gliedern und kultivieren lassen, das weder in einen schematisierenden Modellplatonismus zurückfällt noch in einer aristotelischen Verwirklichungsdynamik mit einem gattungslogischen Naturalismus verstrickt bliebe?

Als Leitmotiv und Ausgangspunkt für die dritte Klausur galt der folgende Gedanken. Das Modellieren – in der Architektur, aber längst nicht nur dort – wird auf der Basis von Informationstechnologie zu einem Unterfangen, das Überzeugen will. Es gerät damit auf sophistisches Terrain, auf dem die Trennung zwischen Logik und Rhetorik keinen Gegensatz bilden kann. Das ist zwar in gewisser Weise und über das ganze 20.Jahrhundert hinweg charakteristisch für das Theorieverständnis in der Architektur, mit seinen modernen Ausdrucksformen als Propaganda, Manifest oder pragmatischem Erklärungsgerüst. Doch anders als diese Literatur „argumentiert“ computer-gestütztes Modellieren heute auf einer anderen Basis, den technifizierten Operationen und logischen Transformationen von elementaren Symbolen. Deren Schlüssigkeit muss sich nicht, oder zumindest nicht direkt, als eine dialektisch-diskursiven „Probabilistik“ arrangieren, wie Aristoteles sein dialektisches Argumentieren noch charakterisiert hatte. Solches auf Wahrscheinlichkeiten gründendes Argumentieren musste sich für ihn noch aus den loci communes, den diskursiven topoi alias Gemeinplätze des Raisonnierens herleiten und von den Meinungen der Autoritäten getragen werden. Das digitale Modellieren heute „argumentiert“ jedoch mit jener solideren Verbindlichkeit, die wir gemeinhin mit logischem Schliessen verbinden. Daraus entsteht ein Konflikt von tektonischem Ausmass. Denn während logisches Argumentieren das möglichst unbeteiligte Klären von Sachlagen beansprucht, gehört es seit jeher zu einem Überzeugen-wollenden Argumentieren mit dazu, dass sich der Redner auf die Wirkungen dessen, was zum Ausdruck gebracht wird, einzustellen hat. In dieser doppelten Artikulation gilt es heute, das Verhältnis von Modellieren und Symbolisieren entlang solcher Begriffe wie rendering oder appliance erneut in den Blick zu nehmen.

Doppeltes Artikulieren

Der in der heutigen Bildpraxis weit verbreitete Begriff des Renderns wird seit dem 14. Jahrhundert überliefert und geht auf das Lateinische rendere zurück, das sich damals offensichtlich in Analogie zu seinem Antonym prendere für “nehmen” herausgebildet hatte. Es steht in einem allgemeinen Sinn für „Zurückgeben, Vergegenwärtigen/Präsen- tieren, eine Ausbeute übergeben“ (engl.: “give back, present, yield”). Das analytische Spiel der topischen Ortbarkeit, und später der topologischen Ordinierbarkeit scheint sich heute mit dem informationstechnologische Verfügen über das Rendern zu erweitern: Das woher, aus dem etwas der Gegenwart zurückgegeben, in die Anschauung gebracht wird, hat sich buchstäblich und gewissermassen als unvorhergesehener Ertrag der neuzeit- lichen Relationenontologie vervielfältigt. Dieses bewirkt eine Abstraktion von der Operationalität der analytischen Apparate zu einer Operationabilität elektronisch- digitaler Appliances, welche diese Apparate in der Anwendung steuern.

Vor diesem grob skizzierten Problemhorizont gilt es eine Abstraktionsebene zu finden, die es erlauben würde, diese Entwicklungen aufeinander zu beziehen. Das erfordert zugegebenermassen einiges an gewagter Denkakrobatik. Wir vermuten, dass sich eine abstrakte Betrachtung des Symbolisierens als vielleicht ältester Kulturtechnik überhaupt in besonderer Weise als Referenzrahmen dafür anbietet. Wir wollen also das Symbolisieren in den Blick nehmen als einen abstrakten Komplex, in dem es möglich werden kann, gegenüber einem Geschehen, in das wir verwickelt sind, eine Haltung einzunehmen. Das Symbolisieren von Erkennungsmarken hat es den Menschen seit den frühen Manifestationen erlaubt, sich in einer Situation zu orientieren. Nicht nur in kultischen Symbolen sondern auch im graphischen Schriftkörper, in den Zahlzeichen oder im digitalen Code ermöglicht die symbolische Dimension solcher indexikalischer Marken eine Art wiedererkennbare und transportierbare „Insistenz“, eine „Vergegen- wärtigung“ in unserem Vorstellen und mittelbaren Erleben über Raum, Ort, Zeit und Situation hinweg. Symbolisch tradierte Muster gewinnen ihre soziale Stabilisierungs- und Integrationskraft, so liesse sich zumindest historisch recht plausibel argumentieren, durch eine deutbare Flüchtigkeit und Insistenz des darin Gebundenen. Von den frühen kultischen Ritualen, den babylonischen Tabellen, Listen und Verfahrenstexten (Rezepte), früher Heil- und Rechenkunst, über die mythischen Geschichten um Weltentstehung und -ordnung bis zu den dinglichen Dokumenten als verschriftlichte Textbündel haben wir über die Kulturgeschichte hinweg zunehmend gelernt, wie man sich auf das jeweils Symbolisierte beziehen kann – mehr oder weniger verlässlich, wiederholt, vor allem aber mit einem immer differenzierteren Toleranzraum für ein Spiel mit den Regeln, für ein Aushandeln der Verbindlichkeiten im Konkreten. Dabei haben wir komplementär dazu auch gelernt, das Symbolisierte zu inszenieren, in den Inszenierungen dieses auch auf unterschiedliche Weise auszuspielen, es als Symbolisiertes selbst zu variieren und experimentell zu erforschen. Wir haben unterschiedliche Dynamiken davon kennen- gelernt, wie das Symbolisieren Gemeinsamkeit stiften kann, wie es als Gewebe des Sozialen auch gesellschaftliche Experimente wie Stadtgründungen, Unternehmertum etc. tragen kann.

Indexikalität

Immer schon haben wir operative Zeiger in der Welt installiert, allem voran das Gnomon, die Obeliske, die Sonnenuhren als Indexe, die uns ein „verankertes“ Interpretieren der Welt erlauben. In voranalytischen Zeiten jedoch blieb für die gesamte Tradition der agrimensurae, des gnomonischen Landschaftsvermessens, der Bezug auf eine kosmologische Ordnung rahmengebend. Erst seit der Neuzeit mit der Entwicklung eines relationenlogisch experimentellen, funktional-abbildenden und schliesslich in jüngerer Zeit nun mengentheoretisch begründbaren Weltbild – in der statistischen Mathematik ebenso wie in der komplexen Algebra, in den bildgebenden Verfahren von Computer- simulationen ebenso wie in den Infrastrukturen der Adressierbarkeit alias Post, ob im Internet oder auf Land – haben sich jene kosmologischen Indexe der Gnomons in rein strukturelle Zeiger entäussert, die mobile Adressen anzeigen in einem unkörperlichen Projektionsraum, wo sie beliebig koordinierbar und mobilisiert im Abstrakten referenziert werden. Mittlerweile gelten uns Symbole, in der heute vorherrschenden analytischen Weltsicht, vordringlich in ihrer explizierbaren Dimension als Zeichenbestände als wertvoll. Spätestens seit der kritischen Wende der Philosophie versuchen wir, die immobilen symbolisch tradierten Muster und Vorstellungen, Modelle und Erzählungen in einer analytischen Karte von topologischen „Orten“ und „Plätzen“ zu fixieren. Nicht umsonst besteht einer der revolutionärsten Aspekte des Cartesianischen Koordinaten- systems in einer Mobilisierung des Ursprungsdenkens, nämlich in einer experimentellen Setzbarkeit eines buchstäblichen Anfangs, einer in hypothetischer Weise angenommenen Arché für eine gestaltbare Tektonik, formal gefasst als Nullpunkt im abstrakten Projektionsraum.

Seither sind wir im Begriff dazu, sämtliche als symbolische tradierten, und in diesem Sinn immobilen weil notwendigerweise ursprungslogisch fixierten Muster und Vorstellungen, Modelle und Erzählungen, rein formal zu explizieren und beliebig verortbar zu machen. Zwischen Topik und Topologie wird es seither möglich, einem allgemeinen Primat der Interpretierbarkeit auch formal Rechnung zu tragen – wir können unsere indexikalischen Zeiger seither in den Bibliotheken, Museen, Wissenskanonen, und jüngst auch im Internet quer und in all jene Richtungen weisen, die schon erkundet und dokumentiert worden sind. Damit bewegen wir uns im Denken mittlerweile nicht mehr vornehmlich in den natürlichen Topographien der Orte und Gebiete um uns herum, wie es für das Scholastische Denken noch kennzeichnend war, sondern in den reellen Topologien einer rasant wachsenden Menge an aufsuchbar Gegebenen – Verweisnetze zwischen Daten, in denen sich in grösster Allgemeinheit gesprochen sämtliche dokumentierbaren Beobach- tungen, wie auch beliebige „Bestände“ live, also in ihren aktuell dokumentierbaren Entwicklungen, in eine eindeutig identifizierbare Stellenwertigkeit formal symbolisieren lassen.

Das Städtische als Lebensform

Beim Bewegen durch diese Topologien der Wissensbestände freilich, die gewonnen sind durch die analytische Abstraktion der einst gnomonisch-geometrisch vermessenen Territorien, zeigt sich nun zunehmend auch, dass die verlässliche Methode, von Lat. methodus, für way of teaching or knowing, als der direkte und kürzeste Weg von A nach B nicht mehr in eindeutiger Weise auszumachen ist. Es gibt in den topologischen Karten keine Wege mehr von in allgemein gültiger Weise symbolisiertem A zu einem ebensolchen B. Der kürzeste Weg, oder anders: die verlässliche Methode, ist im Zeichen der Operationabilität unmittelbar abhängig davon, wie genau man formulieren kann, was einen interessiert, was und aus welcher Perspektive man es wissen möchte. Jegliches Bewegen in den Zeichenbeständen mit den elektronisch-digitaler Appliances ist weniger durch Richtigkeit als durch Interesse und die Differenziertheit unserer Empfänglichkeit für Interessantes geleitet. Wenn global besehen kein kürzester Weg mehr ausfindig zu machen ist, so gilt es, will man nicht alte Traditionen als leere Klischees weiter durch die Zeiten tragen, eine konstruktive Haltung zu entwickeln gegenüber dem, was uns als nicht zwingend und Unnötiges erscheinen mag, als nicht eindeutig verortbar und Überschüssiges, Überzähliges und damit auch Unberechenbares. Genau darin zeigt sich nun gewissermassen im Zeichen der Operationabilität die Kultürlichkeit oder vielleicht auch die Quasi-Natur unserer topologischen Karten zur Orientierung.

Parallel zu dieser Emanzipationsgeschichte unsere tradierten Symbolgewohnheiten beginnen nun freilich Infrastrukturen wie Google, SAP & Co mit dem Versprechen eines agileren Bewegens in diesen Zeichenbeständen diese nun recht bäuerlich zu kultivieren, im alten Sinn des Worten von bestellen, beackern, anbauen. Das Überschüssige, Überzählige, Unnötige zu kultivieren aber war immer schon die Angelegenheit der Städte. Die Substanz des Städtischen als Lebensform besteht im Differenzieren des Potentials, das landwirtschaftlich angebaut wird, in den Märkten, Manufakturen, den Wirtschaften, Gasthäusern und Zünften beispielsweise. Betreiben wir das Kultivieren der Zeichen- bestände von unseren reichhaltigen, symbolisch tradierten Mustern und Vorstellungen, Modellen und Erzählungen bäuerlich und nicht städtisch, so bleibt zu erwarten, dass sich unsere heutigen urbanen Verhältnisse in ähnlicher Weise in Richtung sich stabili- sierender Monokulturen entwickeln werden, wie wir dies aus auch aus der rationalisierten und industrialisierten Landwirtschaft kennen.

Aus den formal deterritorialisierten Zeichenbeständen, die den Ertrag bilden unserer Emanzipationsgeschichte im Umgang mit dem Symbolisieren, werden dann diejenigen „kultürlichen Sorten und Arten“ „angebaut“, für die sich die Aufmerksamkeit und der Dank derjenigen Abnehmer ernten lässt, denen eine symbolisch-unternehmerische Selbstversorgung aus der deterritorialisierten Kultürlichkeit unserer Zeichengründe zu riskant, zu klösterlich, zu beängstigend, zu wenig humorvoll, oder schlicht zu anstrengend ist. Denn anders als unsere Vorfahren vor einigen tausend Jahren haben wir heute nämlich Vieles das uns verlässlich und wiederholt ohne weiteres als Möglichkeit in Aussicht steht. Hat uns das Symbolisieren während so langer Zeit erlaubt, gegenüber einem übermächtigen Geschehen unterschiedliche Haltungen einzunehmen und damit eine naturgewaltliche Ohnmächtigkeit nach und nach zu differenzieren und in ihren Dynamiken zu verstehen, so haben wir heute in der Tat so viele vertretbare, lebbare Haltungen individuell zugänglich, dass wir erneut herausgefordert sind, diesmal allerdings gegenüber einer Übermächtigkeit an möglichen Haltungen. Haben wir ehemals in voranalytischen Zeiten vielleicht zu symbolischen Strukturen kein Aussen gekannt, so müssen wir uns heute wohl an einen deterritorialisierten Daten-Schatten gewöhnen, der seinen Appetit zum Verzehr von qualitativer Differenziertheit aus den semiologischen Zeichenbestände nährt, und sich aus all unserem vermeintlich individuell-existentiell gestalteten Verhalten speist.

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Fragestellung:
Von punktueller Exaktheit zur Dotierbarkeit der Punkte

Wir möchten schliesslich vor dem Hintergrund einer konkreten technologie-basierten Entwicklung – der Dotierbarkeit von Materialien – eine Anregung zur Diskussion stellen, die uns hinsichtlich dem Ausmachen möglicher Referenzpunkte einer phantastisch- projektiven Perspektivität auf die Beziehung von Digitalität und Konstruktion als kategorisch erscheint.

Die besagte technologische Entwicklung, die man Dotieren nennt, bedeutet, einen Punkt zu qualifizieren. Ohne uns in eine technische Fachsimpelei zu verstricken sei zur allgemeinen Orientierung wikipedia zitiert dazu (5.Januar 2011):

„Eine Dotierung oder das Dotieren (von lat. dotare „ausstatten“) bezeichnet in der Halbleitertechnik das Einbringen von Fremdatomen in eine Schicht oder ins Grundmaterial eines integrierten Schaltkreises. Die dabei eingebrachte Menge ist dabei sehr klein im Vergleich zum Trägermaterial (zwischen 0,1 ppb und 100 ppm). Die Fremdatome sind Störstellen im Halbleitermaterial und verändern gezielt die Eigenschaften des Ausgangsmaterials, meistens die Leitfähigkeit oder die Kristallstruktur. Es gibt verschiedene Dotierungsverfahren, zum Beispiel Diffusion, Elektrophorese, Sublimation aus der Gasphase oder Beschuss mittels hochenergetischen Teilchenkanonen unter Vakuum (Ionenimplantation).“

Der Begriff Dotieren kommt vom Lateinischen dotare für „ausstatten“, also umgangssprachlich ausgedrückt „etwas mit auf den Weg geben“. Was kann es nun in philosophischer Hinsicht bedeuten, einen Punkt zu qualifizieren? Nach Euklid ist ein Punkt, was keine Teile hat. Ohne Teile jedoch ist ein Punkt nicht spezifizierbar, er ist nicht in Verbindung zu setzen mit etwas anderem ohne dass man zumindest eine Linie ziehen würde. Aristoteles hatte das Problem des abstrakten Punktes, der als solcher eigentlich nicht greifbar werden kann, auf die Sprache übertragen und dort mit seinem Konstrukt der zehn Kategorien zu lösen versucht: „Jedes ohne Verbindung gesprochene Wort bezeichnet entweder eine Substanz oder eine Quantität oder eine Qualität oder eine Relation oder ein Wo oder ein Wann oder eine Lage oder ein Haben oder ein Wirken oder ein Leiden“.[1]

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Anders als das Aristotelische Sprachspiel von einem substanzlogisch spezifizierbaren Substrat gründet der neuzeitliche Begriff von Materialität auf der strikten Trennung von Formalität und Materialität. Die grosse Errungenschaft experimentellen Naturwissen- schaft im Ausgang der Renaissance bestand gerade darin, dass sich die Frage von der Qualifizierbarkeit der Punkte hin zur Frage nach deren Lokalisierbarkeit im rein formalen, abstrakten Repräsentationsraum hin verschob. Die damit einhergehende Naturalisierung der formalen Ortbarkeit nun scheint jedoch mit der besagten informationstechnischen Materialbearbeitung eines Dotierens von stofflichen Trägern erneut in kategorischer Hinsicht herausgefordert. Wie liesse sich sinnvoll über dieses Ausstatten eines Punktes in seiner performativen Extension sprechen?

Für das Aufspannen einer phantastisch-projektiven Perspektivität auf die Beziehung von Digitalität und Konstruktion, so möchten wir als Anregung vorschlagen, hätten auch die logischen Referenzpunkte wohl als „dotierbar“ zu gelten. Nicht nur lassen sich die materiellen Entitäten heute produktionstechnisch vervielfältigen, sondern auch die Spektren ihrer Dotierbarkeit, ihrer atomaren Ausstattbarkeit. Damit gewinnt die Benjaminsche Frage nach einem konzeptuellen Umgang mit dem Thema Vervielfältigung auf eine verschobene Weise neue Aktualität. In einer als vielleicht als meta- existentialistisch zu charakterisierenden Bewegung lassen sich die philosophischen Herausforderung einer Dotierbarkeit der abstrakten Punkte vielleicht als Inversion oder Stülpung seiner Frage formulieren. Denn anders als bei Benjamin ist das Problematische an der technischen Vervielfältigung inzwischen nicht in erster Linie dass die symbolverarbeitenden Gerätschaften nichts mehr bezeugen würden. Nicht dass sie keine auratische Herkunft mehr verinnerlichen um damit im zeichenhaften Verweisspiel der Geschichte überhaupt bedeutsam sein zu können, wie es Benjamin für die Reproduktion von Kopien als identischen Instanzen besprochen hatte. Was wir heute erleben sind die Effekte der von ihm besprochenen Entwicklungen, die keineswegs aus der Geschichte herausfallen sondern die vielmehr sich als rein Quantitatives Phänomen so sehr verdichten konnten, dass sie mittlerweile ein neues Substrat bilden. In diesem Substrat sind die Punkte, wie oben dargelegt, nicht mehr „nur“ analytisch lokalisierbar, sondern auch qualifizierbar geworden in einem Sinn, für den wir vielleicht heute noch gar keine philosophischen Kategorien haben. War Benjamin über die quantitativen Entwicklungen industrieller Reproduzierbarkeit beunruhigt, so erleben wir heute wie dieses technische Vervielfältigen als quantitatives Vervielfältigen auch qualitative Veränderungen bewirkt: Der recht einfache Indexierungsalgorithmus von Google wäre unbedeutend, würde er in einem Forschungslabor nur gerade 1‘000 Dokumente indexieren. Die Mobiltelefonie wäre ohne Bedeutung, würde sie nur gerade eine Community 1‘000 Menschen vernetzen.

Wir denken, dass die Art und Weise, wie Medialisierung den sozialen Raum stratifiziert, mittlerweile ein Substrat darstellt, das für die Entwicklung eines digitalen Konstruktions- denken eine tragende Rolle spielen kann und sollte. Wir möchten zur Anregung der Gespräche in dieser Richtung mit folgender meta-existentialistischen Wendung eine Formulierung frei nach Walter Benjamin als Gedankenexperiment formulieren, und zwar die Frage nach den symbolverarbeitenden Gerätschaften als katalytische Wirksamkeitsgeflechte (Appliance) einer komplexen Kultürlichkeit im Zeitalter ihrer funktionstüchtigen, dotierbaren Ausdruckbarkeit.

Folgende Fragefelder scheinen uns für diesen Diskussionskomplex strukturgebend zu sein:

  1.  Apparat, Funktion, Appliance, Operation – die infrastrukturellen Voraussetzungen und Dynamiken dieser technischen Prozeduren als Ausgangslage für das Entwickeln eines Begriffs der Operationabilität
  2. Das Problem des Ausdrucks im Zeichen einer dotierbaren Materialverarbeitung
  3. Stratifikation der informatorischen Substrate

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[1]  Aristoteles, Kategorien IV, 1b. Hier zitiert in: Wilhelm Schmidt-Biggemann, Topica Universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer und barocker Wissenschaft, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1983, S. 7.

Die Beiträge erscheinen im Winter 2013 (ca) in der Applied Virtuality Book Series bei Springer.

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Vorträge auf Vimeo (in Deutsch)

Ludger Hovestadt: NARRATIVE INFRASTRUKTUREN UND TECHNISCHES BÜNDELN

Michael Harenberg: ARTIKULATION UND RESONANZ. VIRTUALLE TOPOLOGIEN ÄSTHETISCHER MEDIALITÄT IN DER MUSIK

Gert Schubring: VON PEBBLES ZU DIGITALEN ZEICHEN – DIE GEMEINSAME ENTSTEHUNG VON ZEICHEN FÜR SCHRIFT UND ZAHLEN

Vera Bühlmann: PRÄSPEZIFISCH. ZUM VERHÄLTNIS VON INFORMATION UND FORM

Hans Poser: EXISTENZ SYMBOLISIEREN? ZUM VERSCHMELZEN VON WIRKLICHKEIT UND MÖGLICHKEIT

Klaus Wassermann: VERTEILUNG. EIN VERSUCH ÜBER DIE KÖRPER DER FORM

Christophe Girot: NATUR ENTROPIE UND GESTALTUNG

One thought on “»symbolizing existence«

  1. Pingback: »popularizing insistence« | monas oikos nomos

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